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Gesundheit braucht gute Entscheidungen
Im Rahmen unserer Serie „Gesundheit braucht gute Entscheidungen“ zeigen wir, wie wir Menschen im Alltag Entscheidungen treffen – und warum wir manchmal Entscheidungen treffen, die wir im Nachhinein bereuen: nicht weil sich Rahmenbedingungen geändert haben, sondern weil wir Informationen falsch bewertet oder falsche Annahmen getroffen haben. Jeder Beitrag ist ein Wissensbaustein, der dabei hilft, typische Fehler beim Entscheiden zu vermeiden.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Entscheidungen im Umgang mit Arzneimitteln.
Dabei lernen Sie Patienten kennen, die ihre Entscheidungsgeschichte (anonymisiert) geteilt haben – damit andere daraus lernen können.
Der erste Eindruck lenkt
Warum das Bauchgefühl oft kein guter Ratgeber bei Entscheidungen ist
Werner Müller möchte sein Badezimmer renovieren lassen. Zwei Handwerker schauen sich das Bad vor Ort an und geben jeweils ein Angebot ab.
Sein Bauchgefühl sagt ihm, dass er sich für das etwas teurere Angebot entscheiden sollte. Werner folgt seinem Bauchgefühl.
Doch die Ausführung entwickelt sich zu einem einzigen Desaster. Zusagen werden nicht eingehalten, die Arbeiten ziehen sich hin und am Ende liegt der Preis deutlich über dem ursprünglichen Angebot.
Werner fragt sich, wie er sich so täuschen konnte. Schließlich war er immer stolz darauf gewesen, mit seinem Bauchgefühl meist richtig zu liegen.
Was wir Bauchgefühl nennen
Viele Menschen vertrauen auf ihr Bauchgefühl. Sie entscheiden sich für die Option, die sich besser anfühlt – oft selbst dann, wenn ihr Verstand etwas anderes sagt.
Tatsächlich ist das Bauchgefühl keine geheimnisvolle innere Stimme. Es entsteht im Gehirn. Dort werden Erfahrungen, Erinnerungen und unbewusst wahrgenommene Signale zu einer inneren Bewertung verarbeitet. Ein verlässliches Bauchgefühl entwickelt sich deshalb vor allem in Bereichen, in denen wir Erfahrungen gesammelt haben.
Dieses intuitive Urteilen kann sehr hilfreich sein – besonders dort, wo wir viel Erfahrung haben. Wer jahrelang Autos repariert, erkennt oft sofort, wenn etwas nicht stimmt. Wer täglich mit Menschen arbeitet, entwickelt häufig ein gutes Gespür für bestimmte Situationen. Beide können aber nicht davon ausgehen, dass sie sich auch bei Aktiengeschäften oder bei Pferdewetten auf ihr Bauchgefühl verlassen können.
Schwieriger wird es also bei Entscheidungen, mit denen wir selten zu tun haben oder auf Gebieten, in denen wir uns nicht gut auskennen. Das heißt nicht, dass man hier nicht auf sein Bauchgefühl hören sollte. Aber es ersetzt nicht den Sachverstand.
Ein Grund dafür ist, dass unser Gehirn Informationen nicht immer neutral bewertet. Stattdessen nutzt es Abkürzungen, vereinfacht Zusammenhänge und lässt sich von einzelnen Eindrücken beeinflussen.
Das ist im Alltag oft hilfreich, weil Entscheidungen dadurch leichter fallen. Es kann aber auch dazu führen, dass wir Situationen falsch einschätzen – insbesondere dann, wenn Emotionen im Spiel sind.
Entscheidungsforscher sprechen hier von kognitiven Verzerrungen oder Urteilsfehlern. Gemeint sind systematische Fehler beim Urteilen oder Bewerten von Situationen und Informationen – typische Denkfallen, die unser Urteil beeinflussen, ohne dass wir es merken.
Warum oft nur ein einziges Merkmal entscheidet
Damit kommen wir zurück zu Werner Müllers Entscheidung. Obwohl er lange darüber nachgedacht hatte, fand er zunächst keine Antwort auf die Frage, warum er ausgerechnet diesem Handwerker den Auftrag gegeben hatte.
Er stellte sich deshalb eine andere Frage: Warum hatte er dem Handwerker mit dem günstigeren Angebot den Auftrag nicht gegeben?
Die Antwort lag im persönlichen Eindruck, den dieser auf ihn gemacht hatte. Er war unpünktlich zum Termin erschienen und wirkte nicht besonders freundlich. Dass dieser Handwerker das Bad deutlich gewissenhafter ausgemessen, präzisere Fragen gestellt hatte, hatte Werner Müller längst vergessen, als er den Auftrag vergab.
Entscheidungsexperten bezeichnen das als Horn-Effekt. Gemeint ist die Tendenz, von einem einzelnen negativen Merkmal auf das Gesamtbild zu schließen. Ein ungünstiger Eindruck kann sich dominant auswirken, dass wir positive Merkmale zu gering bewerten oder gar nicht berücksichtigen.
Ein ähnliches Phänomen gibt es auch in umgekehrter Richtung. Positive Merkmale, die uns sofort ins Auge fallen, können dazu führen, dass wir Menschen überschätzen oder Produkte kaufen, die wir gar nicht brauchen. Entscheidungsforscher sprechen dann vom Halo-Effekt (Heiligenschein-Effekt). Er wird zum Beispiel in der Werbung gezielt genutzt.

Der Einfluss des Horn-Effekts auf den Umgang mit Arzneimitteln
Der Horn-Effekt kann auch im Umgang mit Arzneimitteln zu falschen Entscheidungen führen – wie das Beispiel von Ursula H. zeigt. Ursula H. ist eine von 154 Patientinnen und Patienten, die im Rahmen eines Forschungsprojekts zu ihrem Umgang mit Medikamenten befragt wurden.

Ursula H. hat Diabetes mellitus. Ihr Arzt verordnet ihr ein Medikament, das helfen soll, ihre Blutzuckerwerte besser einzustellen und Folgeerkrankungen vorzubeugen.
Zuhause liest sie den Beipackzettel. Sie liest, wie das Medikament ihre Erkrankung in Schach halten soll. Doch viel häufiger und intensiver liest sie den Abschnitt mit den möglichen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen. Diese Gedanken arbeiten in ihrem Kopf deutlich stärker als der Nutzen, den das Medikament für sie haben kann.
In der Folge fällt es Ursula immer leichter, die Einnahme gelegentlich zu vergessen. Aus einzelnen ausgelassenen Tabletten werden mit der Zeit immer mehr. Irgendwann ist die Einnahme zur Ausnahme geworden.
Bei Ursula zeigte sich derselbe Mechanismus wie zuvor bei Werner Müller. Die möglichen Nebenwirkungen prägten ihr Urteil stärker als der Nutzen der Behandlung. Der negative Eindruck überwog.
Mehr über Ursula H und die Geschichte ihrer Entscheidung, erfahren Sie im Beitrag zum Zitat – klicken Sie dazu einfach auf das Bild.
Link: https://patientenentscheidung.com/diabetes
Unser Tipp aus der Apotheke
Nebenwirkungen verdienen Aufmerksamkeit – aber sie verdienen auch Einordnung. Nicht alles, was im Beipackzettel genannt wird, tritt häufig auf oder ist für Sie persönlich relevant. Gleichzeitig geraten die Vorteile einer Behandlung im Alltag leicht aus dem Blick, weil sie oft weniger unmittelbar spürbar sind.
Genau deshalb ist es sinnvoll, bei Unsicherheiten nachzufragen, statt allein mit einem unguten Gefühl zu entscheiden. Wir helfen Ihnen dabei, Nutzen und Risiken eines Medikaments besser zu verstehen und Informationen richtig einzuordnen.
Oft reicht schon ein kurzes Gespräch, um Sorgen zu klären und wieder mehr Sicherheit im Umgang mit Arzneimitteln zu gewinnen.